Logo der Universität Wien

Können Pflanzen Tiere essen?

Tiere, Pflanzen, Zellen

„Tiere essen Pflanzen“ - das überrascht wohl niemanden. Aber auf den Kopf gestellt, sieht das schon ganz anders aus. Können Pflanzen Tiere essen? Hast du schon einmal eine fleischfressende Pflanze gesehen? Und vor allem: Wie können Pflanzen Tiere essen?

Fressen oder gefressen werden?

Fliege mit Blume, Foto: cc DrWurm

Jede Pflanze braucht für ihr Dasein Mineralstoffe, Sonnenlicht und Opens internal link in current windowChlorophyll. Damit kann sie aus dem Wasser des Bodens und dem Opens internal link in current windowKohlendioxid in der Luft Zucker erzeugen. Den Zucker braucht die Pflanze zum Wachsen. Diesen Vorgang bezeichnen wir als Photosynthese. Es gibt aber Böden, die haben nur sehr wenige Mineralstoffe. Das sind vor allem Sümpfe, Moore und sandige Gegenden. Dort haben sich Pflanzen angesiedelt, die gelernt haben, die notwendigen Mineralstoffe aus Tieren zu bekommen. Sie fangen sie und verdauen sie dann, so wie wir unser Essen verdauen. Meist sind diese Tiere kleine Insekten, weshalb wir von „insektenfressenden Pflanzen“ sprechen. Aber Pflanzen können auch Würmer, Mikroorganismen, Spinnen oder sogar kleine Eidechsen essen. Deshalb spricht man heute auch oft von „fleischfressenden Pflanzen“. In der Wissenschaft haben beide aber einen lateinischen Namen. Insektenfressend heißt insektivor, vorare heißt auf Lateinisch verschlingen, gierig fressen. Fleischfressend wird auch carnivor genannt. Das kommt vom lateinischen Wort carnis und heißt Fleisch.

Opens internal link in current windownach oben

In der Falle


Fliegenfalle, Foto: cc Scott Schiller

So wie Tiere ihre Beute fangen, müssen das auch fleischfressende Pflanzen tun. Dazu haben sie einige Blätter in Fallen umgewandelt, die Folgendes können:

  • Tiere anlocken
  • Tiere festhalten
  • Tiere verdauen
  • die verdauten Substanzen aufnehmen und weitertransportieren

Aber wie genau können Blätter Tiere anlocken und fangen? Es gibt vier verschiedene Arten von Fallen:

Klebfallen: Die Blätter haben Drüsen, die klebrige Tröpfchen bilden. Das kannst du dir wie klebrigen Schleim vorstellen. Daran bleiben kleine Tiere hängen. Wenn sie strampeln und versuchen frei zu kommen, dann bilden sich Opens internal link in current windowVerdauungsenzyme, die das Tier zersetzen. Das funktioniert genaus so, wie ein klebriger Fliegenfänger.

Klappfallen: Das Blatt ist in zwei Hälften geteilt, die zusammenklappen, wenn ein Tier darauf herum klettert. Das spüren die Blätter durch Fühlhaare. Wenn ein Fühlhaar mehrmals oder mehrere Fühlhaare hintereinander berührt werden, klappen beide Blatthälften sehr schnell zusammen. Zähnchen am Rand des Blattes verhindern, dass das Tier entwischen kann.

Saugfallen: Die Blätter sind zu einer Blase umgewandelt, die eine kleine Türe hat, welche Sich nach innen öffnen kann. Im Inneren der Blase ist ein Opens internal link in current windowUnterdruck. Wenn ein Tier die Fallentür berührt, klappt sie nach innen und alles vor der Tür wird in die Blase hinein gesaugt. Das sind neben den kleinen Tieren auch Wasser (bei Wasserpflanzen) oder Erde bei Pflanzen, die in Erde wurzeln.

Kannenfallen: Die Blätter bilden einen Krug, der häufig mit Verdauungsflüssigkeit gefüllt ist. Das kannst du dir wie einen Limonadenkrug vorstellen. Der obere Rand des Kruges lockt die Tiere mittels Farbe, Geruch und Nektar an, aber er ist so glatt, dass die Tiere abrutschen und in den Krug hineinfallen. Die Innenwände sind so gebaut, dass die Tiere nicht mehr hinaus klettern können. Sie werden dann in der Kannenflüssigkeit verdaut.

Opens internal link in current windownach oben

Wasserschläuche im Neusiedlersee?

Fleischfressende Pflanzen sind nicht nur in tropischen Ländern zu finden, auch in  Europa und Österreich kommen einige Arten vor. In Österreich kommen 3 verschiedene Arten von fleischfressenden Pflanzen vor, sie sind jedoch kleiner als ihre Artgenossen etwa in Australien, Amerika oder Afrika:

Sonnentau (Drosera): Der Sonnentau heißt so, weil die Düsen viele kleine klebrige Tröpfchen bilden, die wie Tau in der Sonne glitzern. Sie kommen in sauren Hoch- und Zwischenmooren vor und besitzen Klebefallen.

Fettkraut (Pinguicula): Das Fettkraut kannst du auf nassen Wiesen und feuchten sandigen Standorten finden. Es besitzt auch Klebefallen und kommt zu seinem Namen, weil die Blätter ein bisschen wachsartig oder fettig wirken.

Wasserschlauch (Utricularia): Der Wasserschlauch kommt in leicht sauren, nährstoffarmen Gewässern (z.B. Moore) und im Neusiedlersee vor. Er hat Saugfallen. Du kennst ihn vielleicht vom Baden in einem Teich oder im Neusiedlersee, wenn dich „Schlingpflanzen“ am Bauch kitzeln.

Drosea peltala, Foto: cc Lorraine Phelan
Drosea peltala ist ein Sonnentau mit Tentakeln am Blatt.

Fleischfressende Pflanzen können zwar keinen Elefanten oder Hund fressen, jedoch wurden schon Frösche und Mäuse bzw. ihre Reste in Fallen gefunden. Im Botanischen Garten in Lyon in Frankreich, der eine wunderschöne Sammlung an fleischfressenden Pflanzen hat,  hat sich ein Gärtner über einen ganz ekelhaften Gestank gewundert. Der Grund war eine halbverweste Maus in der Falle einer großen Nepenthes. Sie fängt ihre Beute mit Klappfallen.

Opens internal link in current windownach oben

Nur schön anzusehen?

Drosera montana, Foto: cc Monocromatico
Auch Drosera montana zählt zur Gattung Sonnentau.

Im Allgemeinen sind fleischfressende Pflanzen hauptsächlich für GärtnerInnen und (Hobby-) BotanikerInnen interessant, weil sie schön zum Ansehen und spannend zum Erforschen sind. Eine Ausnahme ist die Drosera, der Sonnentau. In Australien hat er unterirdische Knollen, die von den Opens internal link in current windowAborigines gerne gegessen werden. In den skandinavischen Ländern wurden und werden  Sonnentau (Drosera) und Fettkraut (Pinguicula) verwendet, um Milch zu einer Art Sauermilch umzuwandeln und dadurch haltbar zu machen. Sie heißt dann „schleimige Milch“ oder „Zähmilch“.

Im 12. Jahrhundert wurde der Sonnentau auch „Ros solis“, die Sonnenrose genannt. Davon hat angeblich sogar der berühmte französische König Ludwig der Vierzehnte (1638-1715) den Beinamen „Sonnenkönig“ erhalten: Er ließ sein neues Schloss „Versailles“ südlich von Paris mitten in ein großes Sumpfgebiet bauen, wo ringsum sehr viel Drosera wuchs. Durch seine Funktion beim Militär musste er viel mit lauter Stimme schreien. Das war natürlich sehr anstrengend für seine Stimme, weshalb er jeden Tag einen Tee aus Sonnentau trank, was ihn zum „Sonnenkönig“ werden ließ.

In Europa ist der Sonnentau seit dem 12. Jahrhundert eine beliebte Hustenmedizin, da die Blätter Substanzen enthalten, die Opens internal link in current windowantibiotisch wirken. Er wird daher in vielen Kräuterbüchern beschrieben.

Opens internal link in current windownach oben

LEXIKON

Aborigines
so werden die Ureinwohner in Australien genannt.

antibiotisch
Antibiotisch Wirken bedeutet, dass Krankheitserreger gehemmt oder abgetötet werden.

Chlorophyll
Chlorophyll ist der grüne Farbstoff bei Pflanzen

Kohlendioxid
Kohlendioxid ist ein Gas, das in der Luft vorkommt und von den Pflanzen verwendet wird, um Zucker herzustellen.

Unterdruck
Wenn ein Unterdruck in der Blase einer fleischfressenden Pflanze herrscht, heißt dies, dass der Druck in der Blase niedriger ist als außerhalb. Ein Beispiel aus dem Alltag ist etwa der Staubsauger.

Verdauungsenzyme
Das sind Enzyme, also chemische Stoffe, die Nahrung in kleine Einzelteile zerteilt.

Linktipps

Youtube-Video von ARD:
http://www.youtube.com/watch?v=JVWKOYKFt9c 

Kurzes Youtube-Video, ohne Text:
http://www.youtube.com/watch?v=hGCg5bhV1X4 

    Das Thema wurde auf Basis eines Skriptums von Opens window for sending emailao. Univ.-Prof. Dr. Irene Lichtscheidl-Schultz, Core Facility für Cell Imaging und Ultrastrukturforschung Universität Wien von der Webredaktion erstellt.